Altersgerecht wohnen! Wohnen

8 min Lesezeit

Helene Kilb (Textkonfekt) • Juni 2021

Sich in jungen Jahren schon um ein altersgerechtes Zuhause kümmern? Das klingt wie ein Widerspruch – ist es aber nicht. Gerade wer neu baut, sich nach einem Eigenheim umschaut oder bereits eines besitzt, kann auf einige Dinge achten. Diese Voraussicht erhöht den Wohnkomfort, spart im besten Fall Geld und sorgt dafür, dass selbst junge Menschen dem Alter stressfrei entgegensehen können.

Zuerst war da die Sache mit dem Hören, erzählt Annemarie Mayer*. Wenn sie ihren Vater besuchen kam, plärrte der Fernseher, das Radio war bis zum Anschlag aufgedreht. Ein Hörgerät lehnte er ab, schließlich sollte niemand sehen, dass er eines brauchte, und wozu überhaupt? Dann kamen die Alltäglichkeiten dazu. „Meine Mutter und später seine Lebensgefährtin hatten sich immer um alles gekümmert“, erzählt Annemarie Mayer. Ihr Vater wusste zum Beispiel nicht mehr, wie er die Waschmaschine zum Laufen bringen oder was er nach dem Einkauf mit den Lebensmitteln anstellen sollte, sodass Milch und Eier auf dem Küchentisch stehen blieben, bis sie verdarben. Mittlerweile könne er gedanklich schlecht folgen, sagt seine Tochter, und baue zudem körperlich ab. Insbesondere das Gehen und Treppensteigen fällt dem 94-jährigen immer schwerer. Doch obwohl das Leben in seinen eigenen vier Wänden für ihn langsam sehr mühsam wird, kann sich Annemarie Mayers Vater nicht vorstellen, auszuziehen.

Damit ist er kein Einzelfall: „Es ist ein Urbedürfnis, in vertrauter Umgebung zu sein und zu bleiben“, sagt Dorte Trumann. Als Seniorenassistentin in Bremen begleitet sie Senior:innen durch den Alltag, zu Terminen und bei Ausflügen, füllt Anträge und Formulare aus und organisiert, was immer gerade anfällt. „Das eigene Zuhause steht in jedem Lebensalter für Geborgenheit“, sagt Dorte Trumann, „dem entgegen steht eine Einrichtung mit fremder Umgebung, wechselnden Schichten und immer neuen Gesichtern, die sich um einen kümmern.“

Alternative Wohnformen: betreutes Wohnen, Alters-WG oder eine barrierefreie Wohnung?

Für alle, die ihren Lebensabend nicht in einer Einrichtung verbringen wollen, bleiben demnach zwei Möglichkeiten: im bisherigen Zuhause bleiben oder sich ein neues, seniorengerechtes Zuhause suchen.

Das kann eine barrierefreie und damit rollator- oder rollstuhlgeeignete Wohnung oder sogar eine Alters-WG sein. Aber auch das sogenannte betreute Wohnen hat Vorteile. Durch eine separate Wohnung bewahren die Senior:innen ihre Eigenständigkeit und profitieren gleichzeitig von dem daran angeschlossenen Hilfsangebot und gemeinschaftlichen Aktivitäten. Ein Umzug bietet auch viele Chancen: etwa eine belebtere Umgebung, eine bessere Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel und kürzere Wege zu Arztpraxen. Sich frühzeitig zu kümmern, ist jedoch sehr wichtig, da Umzug und Umgewöhnung im fortgeschrittenen Alter auch mehr Anstrengung bedeuten.

Wer stattdessen in seinem eigenen Zuhause bleibt, hat einen großen Vorteil. Alle Maßnahmen sind als Investition und bestenfalls Wertsteigerung des Eigentums zu sehen, zudem besteht hier hundertprozentige Freiheit in Sachen Gestaltung. Das ist gerade bei extremen Veränderungen praktisch, etwa bei der Umnutzung von leerstehenden Räumen: Wenn nötig, kann man dann beispielsweise ein Bad im Erdgeschoss bauen, zwei kleine Räume zu einem großen machen oder eine komplette Etage in eine Einliegerwohnung für pflegende Angehörige oder eine 24-Stunden-Kraft verwandeln.

Sich bewusst und frühzeitig für das Altern im Eigenheim entscheiden

Im eigenen Zuhause zu bleiben, sollte eine bewusste Entscheidung sein. Denn das bedeutet, dass es an die sich verändernden Bedürfnisse angepasst werden muss – und zwar rechtzeitig. Dieses Bewusstsein kommt jedoch erst langsam in der Gesellschaft an, sagt Dorte Trumann.

Die Generation, die gerade 80 Jahre und älter ist und der auch Annemarie Mayers Vater angehört, erlebt die Seniorenassistentin als eher unflexibel. „Am besten soll alles so bleiben, wie es ist. Und sich selbst einzugestehen, dass Körper und Geist langsam abbauen, fällt oft schwer“, sagt sie. „In der Regel kommt die Einsicht bei den Angehörigen dieser Generation erst, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist“ – etwa, weil der- oder diejenige gestürzt ist und von nun an auf Hilfsmittel wie Rollator oder Rollstuhl angewiesen ist. Das Problem: Natürlich ist der Umbau der Unterkunft auch dann noch möglich. Aber anders als bei denjenigen, die sich frühzeitig kümmern, drängt bei den akuten Fällen die Zeit. Hinzu kommt, dass dann kaum noch einer der Senior:innen die Organisation übernehmen kann und in vielen Fällen Hilfe und Unterstützung von den Angehörigen benötigt wird.

Auch bei den Mayers ist es so: „Mein Vater ist mit offenen Augen auf die Katastrophe zugelaufen“, sagt Annemarie Mayer. Neben Beruf und eigenem Alltag noch die Wohnsituation ihres Vaters anzupassen, ist für die Lehrerin sehr anstrengend. Seit Jahrzehnten wohnt er in seinem Einfamilienhaus, einem Reihenhaus, das klein genug ist, um es alleine zu bewohnen. Seniorengerecht ist es jedoch nicht. Das betrifft scheinbare Kleinigkeiten wie ein fehlendes Geländer für die wenigen Stufen, die zum Garten führen, genau wie eins der elementarsten Dinge, das Bad.

Förderungen rechtzeitig beantragen

Damit Betroffene die Umbaukosten nicht alleine tragen müssen, gibt es verschiedene Zuschüsse.  Ab dem Pflegegrad 1 unterstützt die der Krankenkasse angegliederte Pflegekasse die sogenannten wohnumfeldverbessernden Maßnahmen mit maximal 4.000 Euro. Dieses Geld deckt jedoch allenfalls kleinere Anschaffungen ab, etwa Treppengeländer, eine höhenverstellbare Toilette oder einen Briefkasten in Greifhöhe. Eine bundesweite Förderung bietet das Programm „Altersgerecht Umbauen“ der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Allerdings schreibt diese auf ihrer Webseite: „In den letzten Jahren ist die Nachfrage nach Förder­zuschüssen aus dem KfW-Programm „Alters­gerecht Umbauen“ erheblich gestiegen. Deshalb sind die Bundes­mittel für barriere­reduzierende Maßnahmen für 2021 leider bereits aufge­braucht.“ Eine Förderung in 2022 sei nur gegebenen­falls möglich. Wer also spontan finanzielle Unterstützung benötigt, hat derzeit schlechte Karten – und unter Umständen das Problem, trotz Antrag im Nachhinein auf den Kosten sitzenzubleiben. Neben Krankenkasse und KfW bieten auch die Länder Fördermittel. Welche genau, lässt sich leicht in der Datenbank unter www.foerderdatenbank.de herausfinden.

Altersgerechtes Wohnen betrifft nicht nur Senior:innen

Altersgerecht wohnen – so richtig attraktiv klingt das zunächst nicht. Aber das kann es durchaus sein, und zwar auch für jüngere Menschen. Denn altersgerecht muss nicht unbedingt nur seniorengerecht bedeuten, eher so etwas wie „passend für jedes Alter“. Schließlich sind in unserer Gesellschaft nicht bloß Senior:innen auf möglichst komfortable Wohnräume angewiesen, sondern auch Menschen mit Behinderung oder Familien mit kleinen Kindern.

Wie genau ein solches Wohnen funktioniert, zeigt eine Broschüre des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), welches sich wiederum auf das Konzept des Stuttgarter Professor Dr. Thomas Jocher beruft. Damit können Neubauten bereits so angelegt werden, dass sie sich im Lauf eines Lebens mit relativ wenig Aufwand und finanziellen Mitteln umbauen lassen. Doch auch, wer ein Haus oder eine Wohnung kauft, kann sich an dem Konzept orientieren: Denn wenn beispielsweise das Bad, die Treppe oder die Küche ohnehin sanierungsbedürftig sind, kann man sie einfach gleich altersgerecht gestalten.

Das Konzept gliedert sich in fünf Punkte: An erster Stelle steht die Barrierefreiheit. So stellen schon kleinste Schwellen, Absätze oder ein dicker Teppich eine Stolperfalle für einen Rollator oder Rollstuhl dar – aber ganz genauso etwa für Kleinkinder. An zweiter Stelle steht das Thema „ausreichende Größen“. Flure sollten breiter als eineinhalb Meter sein, Hauseingänge und Türen mindestens 90 Zentimeter. Vor Schränken, Küchenzeilen, im gesamten Bad und selbst in kleinen Abstellkammern empfiehlt sich Bewegungsfreiheit, sodass es sich dort im Bedarfsfall gut mit einem Rollstuhl rangieren lässt. Als sehr wichtig erachtet das Konzept zudem die Anpassbarkeit nach Bedarf. Das bedeutet zum Beispiel, dass die Duschkabine bereits die Größe hat, um später mit einem klappbaren Duschsitz ergänzt zu werden, oder dass an allen entsprechenden Stellen Platz ist, um später einmal Haltegriffe anzubringen. Der vierte Punkt ist Attraktivität und Sicherheit. Dazu zählt etwa, dass sich Türen mit geringem Kraftaufwand öffnen und schließen lassen und Treppenstufen nicht zu hoch ausfallen. Im Bad sorgen rutschfeste Fliesen für mehr Sicherheit. Um sich gut orientieren zu können, sind eine kontrastreiche Gestaltung und eine gute Beleuchtung von Vorteil: Das gelingt, indem sich Lichtschalter und Treppengeländer farblich von der Wand abheben oder Treppenstufen an der Unterkante mit einer indirekten Beleuchtung ausgestattet sind.

Der letzte Punkt ist das Thema Automatisierung. So ist es ab einem gewissen Alter sicher eine Erleichterung, wenn die Heizung die Temperatur selbst reguliert oder sich Haustür, Rollladen und Garagentor per Knopfdruck bedienen lassen – für die jüngere Generation dank Alexa und Co. schon fast eine Selbstverständlichkeit.

Nach und nach aufrüsten – auf allen Ebenen

Geht man von einer solchen Grundausstattung aus, lässt sich das Eigenheim mit zunehmendem Alter leicht modifizieren.

Auf diese Weise passt es sich Schritt für Schritt den nachlassenden körperlichen und geistigen Kräften seiner Bewohner:innen an. „Ein großes Thema ist das Bad“, sagt die Seniorenassistentin Dorte Trumann, „später werden Griffe wichtig, um sich überall gut festhalten zu können. Und eine Lösung für die Treppen: Wer den Platz und ein Bad im Erdgeschoss hat, kann sein Schlafzimmer ebenfalls ins Erdgeschoss legen. Andernfalls muss ein Treppenlift her – dieser kommt aber eher spät, auch weil er eine sehr große Investition darstellt.“ Parallel zur Ausstattung im Eigenheim mehren sich die Hilfskräfte, die die alternde Person umsorgen. „Ich begleite die Menschen“, erzählt Trumann, „gerade, wenn sie keine Angehörigen mehr haben, organisiere ich alles Weitere dazu: jemanden, der sie pflegt und wäscht, jemanden für die Medikamente oder gleich eine 24-Stunden-Kraft, eine Nachtwache, wenn nötig, bis zur Sterbebegleitung. Im Idealfall können die Menschen so bis zum Tod in ihrer vertrauten Umgebung bleiben.“

Hier geht es zur Broschüre mit dem genannten Konzept.

*Name geändert


Helene Kilb (Textkonfekt)

Als freiberufliche Redakteurin und Texterin schreibt Helene Kilb am liebsten über alles, was sie selbst begeistert. Das sind einerseits neue Interiortrends und Deko-Ideen, aber andererseits auch Themenbereiche wie Nachhaltigkeit, Familie und die sozialen Medien.


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