Kleine Gärten, großes Glück? So fühlt sich das Leben in einem Schrebergarten an Leben

8 min Lesezeit

Helene Kilb (Textkonfekt) • August 2021

Die Zeiten, in denen ein Kleingarten als spießig galt, sind längst vorbei: In den vergangenen Jahren ist die Nachfrage nach den Parzellen insbesondere bei jungen Menschen stetig gestiegen – ein Trend, den die Coronakrise noch verstärkt hat. Wir verraten, für wen sich ein Kleingarten eignet, welche Möglichkeiten er bietet und warum er gleichzeitig viel Arbeit bedeutet.

Schmale Wege durchziehen die Kolonie „Schwarze Flage“ im Hannoveraner Stadtteil Linden. Hohe Sträucher neigen ihre bunten Blütenköpfe über die Zäune, die Hecken rascheln im Wind und ab und zu flattert ein Schmetterling vorbei. Bei der Nummer 30 öffnet sich quietschend ein niedriges grünes Eisentor. Ein mit Steinplatten ausgelegter Weg führt zu einem kleinen Häuschen mit hellblauen Fensterläden. Das Grundstück ist eins von über einer Million Kleingärten, die es in Deutschland laut einer Schätzung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung gibt.

Schrebergarten gesucht?

Wie lange zukünftige Gärtner:innen auf ihre Parzelle warten müssen, hängt primär von ihrem Wohnort ab. Etwa in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern liegt die Kleingartendichte bei vier Gärten pro 100 Einwohner:innen, durch die sinkenden Bevölkerungszahlen stehen zunehmend Gärten leer. Dagegen kommen in Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland weniger als 0,5 Gärten auf 100 Einwohner:innen. Insbesondere in großen und stetig wachsenden Städten gebe es eine erhöhte Nachfrage, stellt das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in seiner Broschüre „Kleingärten im Wandel“ fest.

Auch in Hannover übersteigt die Nachfrage das Angebot deutlich, sodass sich Bewerber:innen  derzeit auf eine Wartezeit von mindestens zwei Jahren einstellen müssen. Dagegen hat Janko Woltersmann, der Pächter der eingangs erwähnten Lindener Parzelle, Glück gehabt. „Wir haben den Garten 2018 von Freunden übernommen, die ihn nicht mehr wollten“, erzählt der Hannoveraner. „Sie schafften die Arbeit nicht mehr und hatten die Pacht aber schon bezahlt“. Er und seine Frau wagten das Experiment und kümmerten sich ein Jahr lang um das Grundstück. „Dann haben wir gemerkt, dass das echt unser Ding ist.“ Sie bewarben sich und erhielten im August 2019 den Zuschlag.

Den Kleingarten gestalten: selbst für Anfänger:innen kein Problem

Die Faszination für alles Grüne besteht bei Janko Woltersmann schon von Kindheit an: „Als ich klein war, habe ich viel Zeit bei meiner Oma verbracht. Sie wohnte in einem typischen Nachkriegshaus mit einem großen Garten vor und einem hinter dem Haus, wo Obstbäume standen und Gemüse und Obst wuchsen.“ So richtig gegärtnert hatten er und seine Frau zuvor aber trotzdem nie. „Für uns ist es daher immer noch ein Probieren“, erzählt der Lindener. „Wir sind eher emotionale Gärtner, schauen uns eine Ecke an und entscheiden dann, was wir machen.“

Vom Eingang aus gesehen besteht der 400 Quadratmeter große Garten nun aus drei Teilen: Wer das Tor passiert und auf dem Steinweg steht, findet zu beiden Seiten jeweils eine kleine Wiese mit Apfelbäumen und einer Sitzgelegenheit. Am Ende des Wegs steht ein Häuschen mit einer hölzernen Bank davor. Links fällt der Blick dann auf eine selbst angelegte Boule-Bahn, rechts wartet ein kurzer mit Wein berankter Laubengang. Direkt am Weg und an den Zäunen haben Janko Woltersmann und seine Frau allerlei Beete angelegt. Hier blühen etwa Salbei, Rosen und verschiedene Kräuter, an anderen Stellen wachsen Auberginen, gelbe, grüne und schwarze Bohnen, Erbsen und Radieschen.

Ideen für den Kleingarten

Die Ursprünge der Gärten liegen im 19. Jahrhundert, wo die Industrialisierung, die zunehmende Wohnungsnot und fehlende Nahrungsmittel das Leben in den Städten erschwerten. Um dem entgegenzuwirken, entstanden kleine „Armengärten“, mit deren Hilfe sich die Menschen mit eigens angebautem Obst und Gemüse versorgen konnten. Eine Nutzung in diesem ursprünglichen Sinn ist sogar gesetzlich festgeschrieben: Ein Drittel der Fläche muss laut Bundeskleingartengesetz dem Obst- und Gemüsenanbau dienen.

Darüber hinaus stehen Kleingartenbesitzer:innen zahlreiche andere Möglichkeiten offen, um das grüne Reich zu gestalten: Denkbar sind etwa ein kleiner Teich mit flacher Uferzone, ein Zierbrunnen, eine Kompoststelle, eine Terrasse, eine Kräuterspirale oder ein Feuerkorb, sofern dieser in der jeweiligen Kolonie erlaubt ist. Janko Woltersmann hat sich zudem noch eine kleine überdachte Outdoorküche aus gebrauchten Geräten zusammengestellt, wo er das Gemüse aus dem eigenen Garten kocht. Auf diese Weise fühlt sich die Parzelle für ihn manchmal an wie eine Erweiterung des eigenen Zuhauses.

Und was ist eigentlich mit der Toilette?

Jeder muss mal – auch Gärtner:innen. Im Schrebergarten sind jedoch nur abwasserfreie Toiletten erlaubt. Die einfachste und nachhaltigste Lösung ist daher eine Trenntoilette: Hier landen kleines und großes Geschäft in getrennten Behältern. Sägespäne oder Mulch, die gleich nach dem Toilettengang auf die Ausscheidungen gegeben werden, nehmen den Geruch auf und sorgen dafür, dass das Ganze schnell fest wird. Auf dem Kompost werden die Ausscheidungen schließlich zu Humus. Urin ergibt mit Regenwasser verdünnt einen guten Dünger. Er enthält nämlich Nährstoffe wie Kalium, Magnesium und Stickstoff, die die Pflanzen gedeihen lassen.

Natur-Trend im Schrebergarten

Überhaupt ist ökologisches Gärtnern im Kommen – so auch bei Janko Woltersmann: Beim Bepflanzen haben der 53-Jährige und seine Frau darauf geachtet, möglichst auf bienen- und generell insektenfreundliche Gewächse zu setzen. Um die Weinranken vom Mehltau zu befreien, haben sie ein Gemisch aus Rapsöl, Backpulver und Wasser ausprobiert. Mit bescheidenem Erfolg zwar, doch nun hat eine Bekannte verraten, dass es auch eine Pflanze gibt, die ihre Beetnachbarn vor Mehltau schützt. Kräuter wie Kerbel, Schnittlauch oder Basilikum mag der Mehltau nicht. Du kannst sie zwischen die Pflanzen setzen. Und das Geheimnis der prächtig gedeihenden Bohnen liegt in der altbewährten Pflanzform, dem Hügelbeet. Unter der nach oben gewölbten Erdschicht verbirgt es Holz, Laub und Kompost. Durch seine Form bietet das Hügelbeet mehr Anbaufläche. Sein Inhalt gibt beim Verrotten Wärme und Nährstoffe ab, was die Pflanzen besser wachsen lässt. 

Viel Arbeit und nicht zu unterschätzende Kosten

Wer dagegen einfach nur einen Kleingarten mieten will, um einen Pool und ein Klettergerüst für die Kinder aufzustellen, denkt zu kurz: In manchen Städten, darunter Hannover, ist ein Verbot von zu großen Pools in Kleingärten im Gespräch. Zu Recht ist das Grundstück keinesfalls als reiner Erholungsort gedacht – eher als ein Platz, an dem man den Wert von Selbstangebautem wieder neu entdeckt, an dem Insekten und andere Tiere eine Heimat finden und sich Gartenliebhaber:innen begegnen.


Es liegt also auf der Hand, dass ein Schrebergarten neben allem Wohlfühlfaktor auch viel Arbeit bedeutet. „Im vergangenen Jahr, als wegen der Corona-Krise viele Aufträge wegfielen, habe ich jeden Tag hier draußen verbracht“, erzählt Janko Woltersmann, der als selbstständiger Fotograf arbeitet. „In diesem Jahr, so von Ende Mai bis Anfang Juli, hatte ich kaum Zeit“ – hier wuchs ihm der Garten buchstäblich über den Kopf.

Neben der Arbeit in der eigenen Parzelle kommt zudem die gemeinschaftliche Arbeit für den Verein dazu. „Es gibt zwei feste Tage im Jahr dafür. In diesem Jahr haben wir die Blumenkästen im Vereinsheim bepflanzt.“ Auch Aufräumarbeiten oder Hecken schneiden, die zu keiner Parzelle gehören, zählt dazu.

Darüber hinaus ist auch der Kostenfaktor eines Kleingartens nicht zu unterschätzen: Die neuen Pächter:innen zahlen eine Ablöse an den/die Vorbesitzer:in, die abhängig von der Region, der Grundstücksgröße und dem Zustand des Gartenhauses stark variieren kann. Dazu kommen eine jährlich zu zahlende Pacht und natürlich die Kosten für Saatgut, Geräte, anderweitige Ausstattung und gegebenenfalls eine sogenannte Laubenversicherung, die das Hab und Gut im Gartenhaus gegen Schäden oder Diebstahl absichert.

Entsprechend will die Entscheidung, einen Schrebergarten zu pachten, wohlüberlegt sein – doch wenn das Herz voll und ganz für das eigene Fleckchen Grün schlägt, wächst das Gärtnerglück jeden Tag ein wenig mehr.


Helene Kilb (Textkonfekt)

Als freiberufliche Redakteurin und Texterin schreibt Helene Kilb am liebsten über alles, was sie selbst begeistert. Das sind einerseits neue Interiortrends und Deko-Ideen, aber andererseits auch Themenbereiche wie Nachhaltigkeit, Familie und die sozialen Medien.


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